Künstlerische Aspekte

Dies ist Teil 7 der Serie “selbständiges Bildhauern”. Für einen Übersicht siehe:“Über Selbständiges Bildhauern
Vorheriger Beitrag: „Weiche Gesteine für den Bildhauer„.

In diesem Beitrag werde ich etwas über künstlerische Aspekte aus verschiedenen Blickwinkeln erklären. (Diese überschneiden sich übrigens oft.)

  • Abstrakt versus figurativ
  • Das Konzept der „Spannung“
  • Symmetrie und Asymmetrie
  • Jung und Alt
  • Offene und geschlossene Formen
  • Rund und eckig
  • Form und Muster
  • (weitere Aspekte später)

Ich verwende hier einige Begriffe aus der Kunstgeschichte, die ich nicht weiter erkläre. Am Ende deshalb meine Empfehlungen für geeignete Kunstgeschichtsbücher.

Bild: Jakub Hałun, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Abstrakt und figurativ

Am Anfang (vor 30.000 Jahre und mehr) machte der Mensch Bilder von dem, was er in der Natur sah: figurative Arbeit. Siehe z.B. die „Venus“ von Willendorf.

Zunächst ohne „abstrakte“ Dinge wie Atmosphäre oder Gefühl
darstellen zu wollen. Später wurden auch Stimmungen und Emotionen dargestellt (z. B. das Leiden Christi oder ein drohendes Unwetter).
Erst im im 20. Jahrhundert wurde begonnen zu abstrahieren. Das ist die Suche nach dem Wesen einer Form oder Bewegung.


(Ausnahme: Kunst der Kykladen ca. 3000-2000 v. Chr.)

Meist mit dem Ziel, bestimmte Aspekte davon durch Vereinfachung und/oder weglassen einzufangen
(z.B. die Bewegung einer Tänzerin oder die charakteristischen Elemente eines Gesichts) Siehe z.B. „Madame Pogany“ von Constantin Brancusi bzw. die „Tänzerin“ von Georg Kolbe.

Kykladische Figurine (3000 bis 2000 v.Chr.)

Bild: I, Sailko, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Vereinfachte Form. Nach Mademoiselle Pogany von Constantin Brancusi
Bewegung: Tänzerin von Georg Kolbe

Bild: Amina Mendez, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Denke daran: Zum Beispiel die Essenz eines Gesichts abzubilden, ist viel schwieriger, als es originalgetreu darzustellen! Es sieht so einfach aus…

Diese Essenz wurde in Form, aber auch in Atmosphäre und Gefühl gesucht. Wie die impressionistischen Maler, die die Wiedergabe von Licht neu erfanden. Später entstanden Strömungen, die die Darstellung der Form losgelassen haben und ausschließlich die Darstellung oder das Hervorrufen von Atmosphäre, Emotionen, Suche nach besonderen Formen, Licht usw. suchten.
Sei vorsichtig mit dem Begriff „abstrakt“. Kursteilnehmer sagen oft, dass ihr (figuratives) Bild „ein bisschen abstrakt“ werden könnte. Was eigentlich bedeutet, dass es nicht so genau sein muss. Das ist etwas anderes.

Hinweis: Ich verwende oft den Begriff „abstrakte Form“. Damit meine ich, dass es kein Gefühl oder Atmosphäre oder so etwas zu vermitteln braucht. Mir geht es nur um schöne oder spannende Formen, die nichts darstellen und für nichts stehen müssen.

Spannung

Wir sprechen oft von (optischer) Spannung in einer Form. Eine solche Form sieht auch „spannender“ aus. Optische Spannung entsteht, wenn wir eine Form machen, die auch in der Realität entsteht, wenn etwas sichtbar mechanisch unter Spannung steht.

Mechanische Spannung erzeugt auch optische Spannung
Typische Form von etwas Elastischem unter Spannung


Ein leuchtendes Beispiel für Spannung ist Berninis Skulptur „Ratto Prosperina“ (Villa Borghese, Rom). Er hält die Dame fest. Du kannst sehen, wie seine Finger in ihren Oberschenkel drücken. Diese Marmorstatue scheint fast lebendig zu sein, weil die Dellen, die seine Finger in ihren Oberschenkel machen, so realistisch sind.

Gianlorenzo Bernini: „Ratto Prosperina“

Bild: Paolo Picciati, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Auch zum Beispiel unser Tropfen (siehe Beitrag: Formen von klein bis groß) hat Spannung.

Spannung kann auch auf andere Weise entstehen:

  • Scharfe Kanten und schräge Formen in einem Bild.
  • Licht und Dunkel.
  • Glatter versus roher Stein.
  • Etc.
Scharfe Linien und glatte Formen
Bearbeitet und unbearbeitet ergibt auch einen Hell/Dunkel-Kontrast

Symmetrie und Asymmetrie

Symmetrische Formen wirken statisch. Siehe z.B. die „Kouroi“ aus der archaischen griechischen Zeit (ca. 600-480 v. Chr.). Asymmetrische Formen sind von Natur aus spannender und weniger statisch. Deshalb arbeiten wir oft lieber nicht symmetrisch (oder sehr bewusst doch). Mit der Erfindung des Kontraposts um 450 v. werden die Griechischen Skulpturen in der klassischen Zeit weniger statisch.

Bild: Photoed by User:Mountain, Public domain, via Wikimedia Commons

Bild: Naples National Archaeological Museum, CC BY 2.5, via Wikimedia Commons

Der Kouros Anavissos (links) ist fast vollständig symmetrisch und wirkt daher statisch. Das rechte Bild im Kontrapost ist viel dynamischer.

Jung und alt

Der Kopf einer jungen Frau ist weniger ausdrucksstark als der Kopf einer alten, faltigen Frau. Du findest das junge Mädchen vielleicht schöner, aber die Skulptur der alten Frau drückt viel mehr aus.
Dabei ist es auch wieder so, dass es schwieriger ist, eine junge Frau zu porträtieren als eine alte, faltige. Wenn du Selfies durch einen Filter leitest, um dein Gesicht schöner zu machen, entfernt der Filter kleine Unregelmäßigkeiten. Es stilisiert dein Gesicht. Wenn du es so formen möchtest, kommt es sehr auf eine genaue Form an. Siehe die Bilder der alten und der jungen Frau unten. Siehe auch die Diskussion unter „abstrakt und figurativ“, wie schwierig „abstrahieren“ ist.

Luca della Robbia: „junge Frau“ (Gipsabguss)
Alte Frau (eigene Arbeit)

Ruimte: gesloten versus open.

Du kannst bewusst entscheiden geschlossene oder offene Formen zu verwenden. Zur geschlossenen Form: siehe unten Käthe Kollwitz. Die Tatsache, dass die Statue hier keine Öffnung oder tiefe konkave Form hat, verstärkt den Ausdruck des Beschützen-Wollens. Geschlossene Formen verbergen etwas. Das kann zum Beispiel auch eine innere Stärke sein, die man zum Ausdruck bringen möchte.
Offene Formen wirken einladender, meist auch großzügiger. Sie sehen auch oft verletzlicher aus.
„Je mehr Luft in deiner Skulptur ist, desto plastischer ist es.“
Dies kannst du bewusst in deinem Bild einsetzen. Siehe unten.

Geschlossener Form: Käthe Kollwitz „Mutter mit Zwillinge“.

Bild: Axel Mauruszat, Attribution, via Wikimedia Commons

Offene Form „Kuscheln“, (eigene Arbeit).

Rund vs. Eckig

Wir assoziieren runde Formen mit lebenden Organismen. Eckige Formen eher mit künstlichen. Auch die Verwendung von runden und eckigen Formen nebeneinander ergibt Spannung.

Scharf und Eckig: Fritz Wotruba

Bild: Thomas Ledl, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Kombination scharf und rund
Runde Formen (Skulptur Ine Spruit)

Form versus Muster.

Ein Fallstrick: Man nimmt einen Stein mit einer schönen farbigen Struktur und will daraus zum Beispiel einen Kopf machen. Leider wirst du in der Regel erleben, dass die Gesichtszüge nicht deutlich zu sehen sind. Die bunten Muster des Steins stören das Bild des Gesichts (aber manchmal kommen die Farben genau an der richtigen Stelle heraus).
Bunte Steine eignen sich insbesondere für einfache Formen. Dasselbe gilt für Gesteine mit Löchern (z.B. Travertin mit größeren Löchern) und transparente Gesteine (dazu später mehr).

Travertin hat immer Löcher. Diese verstören (u.a.) die Gesichtszüge.
Details würden in dieser farbenfrohen Steinart verschwinden

Wenn du feinere Details wünscht, nimm einen homogen gefärbten Stein oder einen mit nur allmählichem Verlauf.
Wenn du sehr fein detaillieren möchtest, nimm einen feinkörnigen weißen Marmor oder einen feinkörnigen schwarzen Stein (z. B. Indien Serpentin).

Der Verlauf der Farbe verstärkt hier die Gesichtszüge.(Skulptur Ine Spruit)
Indien Serpentin ist ideal um fein zu detaillieren.

Ich erweitere diesen Beitrag nach und nach um weitere Aspekte, darunter:

  • Stil (z. B. „Jugendstil“ oder im Stil eines bestimmten Künstlers)
  • Richtung und Bewegung
  • Licht und Verwendung von Transparenz
  • Präsentation
  • Deine Botschaft

Empfohlene Literatur

Es gibt 3 Standardwerke, die einen Überblick über die Kunstgeschichte geben.
Das sind: „Janson“, „Gombrich“ und „Gardner“.
Die Bücher von Janson und Gombrich versuchen, möglichst alle wichtigen Künstler abzudecken. Darüber hinaus haben sie jedoch den weißen, maskulinen, westlichen Look. Über Künstlerinnen und andere Kulturen wird selten gesprochen.
(Jansons Buch hat die Einkaufspolitik vieler Museen stark beeinflusst).
Gardners Bücher (die Erstausgaben sind von einer Frau: Helen Gardner) beschäftigen sich auch mit anderen Kulturen und haben viel mehr Augen für wichtige Frauen in der Kunst.
Außerdem ist Gardner viel didaktischer im Ziel. Anhand einer begrenzten Anzahl von Beispielen werden die wichtigsten Charakteristika einer Epoche oder Kunstrichtung erklärt. Das heißt: Es werden immer nur wenige Künstler vorgestellt.

Man muss aufpassen, welches Gardner-Buch man verwendet, denn der Verlag (Cengage) hat viele verschiedene (Teil-)Ausgaben, die sich überschneiden. Diese tragen in der Internetbuchhandlung oft alle den gleichen Titel: „Gardners Art through the Ages“. Meine Präferenz unten.

Janson: „World History of Art“ von H.W.. Janson, 5. Auflage (Englisch), Verlag: Thames & Hudson, ISBN: 978-0-500-23701-4

Gombrich: „Geschichte der Kunst“ von E.H.Gombrich, 1. Auflage (2017) Verlag: Phaidon. ISBN: 978-0-714-87305-3

Gardner: „Gardners Art through the Ages, a global history“, 16. Auflage (2020, Englisch) von Fred S. Kleiner. Herausgeber: Cengage Learning Inc. ISBN: 978-1-337-63070-2.

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